Bayerische Staatsgemäldesammlungen


Die Suche nach NS-Raubkunst, also Kulturgütern, die sich unrechtmäßig in öffentlichen Sammlungsbeständen befinden, ist zunehmend der Maßstab, an dem die politische Integrität von Institutionen und deren Leitung beurteilt wird. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben 1999 mit dieser Suche begonnen. Seit 2008 werden die relevanten Bestände systematisch erforscht.
Die Provenienzforschung in den Pinakotheken und Zweiggalerien konzentriert sich auf 7000 Kunstwerke, die ab 1933 erworben bzw. inventarisiert wurden und vor 1945 entstandenen sind.
Gemäß der Washingtoner Erklärung von 1998 werden diese in vier Projekten überprüft, um festzustellen, ob sich darunter während des Nationalsozialismus unrechtmäßig enteignete Kunstwerke aus ehemals jüdischem Besitz befinden. Zielsetzung ist eine möglichst lückenlose
Dokumentation der Provenienzen, die die Aufklärung von Eigentumsverhältnissen erleichtert.
Das Referat bearbeitet zusätzlich zur systematischen Bestandsrecherche sowohl eingehende Restitutionsforderungen als auch proaktiv aufgefundene Fälle. Es meldet diese wegen Verdacht auf verfolgungsbedingten Entzug der Internetdatenbank www.lostart.de (sehe Rubrik 'Lost Art'- Meldungen)
und tritt – sofern möglich – an die Anspruchsberechtigten heran. Zudem werden provenienzrelevante Vorgänge wie Neuankäufe von vor 1945 entstandenen Kunstwerken, Ausleihen, Datenbankeinträge und Katalogeinträge be- und erarbeitet.

>Überweisungen aus Staatsbesitz<

[Johannes Gramlich seit 2016, Anja Zechel 2013-2017, Florian Wimmer † 2013–2015]

In den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gelangten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rund 900 Kunstgegenstände, die zuvor hochrangigen Funktionären und Organisationen der NSDAP gehört hatten – darunter Werke aus den ehemaligen (Privat‑)Sammlungen von Adolf Hitler, Hermann Göring, Martin Bormann, Heinrich Hoffmann und Hans Frank. Auf Basis alliierter Direktiven konnte sich der Freistaat Bayern diese Objekte vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren zu Eigentum übertragen und an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überweisen. Das Forschungsprojekt zu diesen ›Überweisungen aus Staatsbesitz‹ verfolgt zwei Ziele: 

Erstens recherchiert und dokumentiert es sukzessive die Provenienzen der fraglichen Kunstwerke so lückenlos wie möglich. Da dieser Bestand aufgrund seiner Herkunft besonders problematisch erscheint, werden Objekte bereits auf der Internetplattform lostart.de gemeldet, wenn nach einer ersten grundlegenden Prüfung ein Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug nicht ausgeschlossen, aber auch (noch) nicht erhärtet werden kann. Zweitens rekonstruiert, analysiert und verschriftlicht das Projekt den Gesamtprozess des mehrstufigen Vermögenstransfers von den Nationalsozialisten über die Alliierten zum Freistaat Bayern und zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Erwerbungen zwischen 1933 und 1945

[Anja Zechel seit 2017]

Die ca. 930 Werke, die in den 12 Jahren der NS-Herrschaft durch Kauf, Tausch oder Schenkung in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gelangten, werden seit Mai einer Neuprüfung durch Anja Zechel unterzogen. Das zu untersuchende Konvolut enthält zu ungefähr einem Viertel zeitgenössische Werke im von der NS-Elite geschätzten Kunststil, fast genauso viele Objekte aus dem 19. Jahrhundert sowie Werke altdeutscher Malerei. Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit waren die Werke im Münchner Collecting Point auf Raubkunst untersucht worden und eine zweite grundlegende Überprüfung erfolgte 1999 bis 2002. Da sich die Provenienzfoschung in den letzten zwanzig Jahren grundlegend weiterentwickelt hat und viele neue Quellen vorliegen, nehmen die Staatsgemäldesammlungen eine erneute Überprüfung dieses Bestands vor. Zunächst werden die Objekte untersucht, bei denen sich schon bei früheren Recherchen bislang unausgeräumte Verdachtsmomente ergeben haben. Danach werden alle weiteren Zugänge chronologisch abgearbeitet. Sollten sich Verdachtsmomente herausstellen oder erhärten, erfolgt die Meldung bei 'Lost Art' und bei konkreten Indizien unrechtmäßigen Entzugs auch die proaktive Erbensuche

Klassische Moderne

[Johanna Poltermann seit 2015]

Seit März 2015 wird die Herkunft von rund 240 Hauptwerken der Klassischen Moderne untersucht, welche größtenteils in der ständigen Ausstellung der Pinakothek der Moderne zu sehen sind. Hierzu zählen fast ausschließlich Gemälde und Skulpturen der expressionistischen Avantgarde. Bei fast all diesen Werken handelt es sich um Nachkriegserwerbungen. Der überwiegende Anteil fand in Form von Schenkungen und Ankäufen aus Privatsammlungen Eingang in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Forschungsschwerpunkte sind daher die Werke aus den ehemaligen Sammlungen von Sofie und Emanuel Fohn, Theodor und Woty Werner, Martha und Markus Kruss und Günther Franke. Ziel des Projektes sind vollständige Objektdokumentationen einschließlich der Abfrage relevanter Recherchedatenbanken, Sekundärliteratur und der Überprüfung bislang hauseigener Archivquellen. Die Auswertung aller genannten Quellen führt zu einer ersten Provenienzangabe einschließlich Belegen, welche gemeinsam mit den übrigen Forschungserkenntnissen in einer standardisierten Datenblattstruktur festgehalten wird.

Erwerbungen nach 1945 bis heute

[Ilse von zur Mühlen seit 2017]

Das Projekt umfasst mindestens 5000 Werke der Malerei und Skulptur, die seit 1945 erworben wurden. Projektziel ist es, im Zuge einer Erstsichtung auf der Grundlage der Provenienzangaben in der vorliegenden schriftlichen Überlieferung von Inventaren und Bildakten und unter Berücksichtigung des heute gegenüber den Jahren um 1998/2000 deutlich weiterentwickelten Wissensstandes all jene Werke, die eine klare und in jeder Hinsicht unverdächtige Provenienz aufweisen, von der weiteren Recherche ausschließen zu können. Dies betrifft zum Beispiel Kunstwerke, die direkt vom Künstler oder auf Ausstellungen der Künstlervereinigung, der er angehörte, erworben wurden. Auch Nachinventarisationen beispielsweise von Erwerbungen aus der Zeit von vor 1933 sind als unkritisch einzustufen. Die jeweiligen Provenienzketten werden in die hauseigene Datenbank eingegeben – mit dem Ziel, in möglichst überschaubarem Zeitraum zu belastbaren Zahlen jener Werke zu kommen, die künftig einer noch tiefergehenden Provenienzforschung bedürfen.

Weitere Informationen zur Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen finden Sie hier.

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