Restitutionsprüfverfahren

Sachverhaltsprüfung abgeschlossen

Aquarell an die Erben nach Valerie Heissfeld

Im September 2011 konnte die Staatliche Graphische Sammlung München das Aquarell „Der alte Nordbahnhof Wien“ (Koschatzky Nr. 51/03), Inv.-Nr. 45626 Z, Aquarell, 125 x 185 mm an die Erben nach Valerie Heissfeld (Geburtsdaten unbekannt, ermordet 13.4.1942, Theresienstadt), vertreten durch die Commission for Looted Art, London, restituieren. Der Antrag auf Restitution wie auch die Recherchen zur Familie Heissfeld gingen von der Commission aus. Valerie Heissfeld, deren Ehemann, der k.k. Stabsarzt Dr. Jakob Heissfeld (1871–1915), im Krieg verstarb, hatte eine Sammlung österreichischer Kunst zusammengetragen. Das 1851 datierte Blatt von Rudolf von Alt „Der alte Nordbahnhof Wien“ wurde erstmals im Versteigerungskatalog der Firma C. G. Boerner, Leipzig 1922, unter dem Titel „Der Nordbahnhof in Wien im Winter“ publiziert (16.11.1922 C. G. Boerner, Leipzig, Sammlung kostbarer Aquarelle von Rudolf von Alt aus Fürstlichem Besitz, Kat. Nr. 12 mit Abb.). Da Rudolf von Alt im Jahr 1851 nur wenige Aquarelle malte und auch aus anderen Jahren kein weiteres Blatt mit diesem Sujet und Titel belegt ist, kann es eindeutig identifiziert werden. Wann es in den Besitz von Lotte Heissfeld kam, ist nicht belegt. In der Liste zum „Ansuchen auf Ausfuhrbewilligung“ von Valerie Heissfeld vom 9.9.1938 wird das Blatt unter dem Titel „Nordbahnhof“ aufgeführt, befand sich zu diesem Zeitpunkt also eindeutig im Besitz von Valerie Heissfeld. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich sah sich Valerie Heissfeld auf Grund ihres jüdischen Glaubens gezwungen, Österreich zu verlassen. Ihr gelang im Februar 1939 die Emigration von Wien nach Brno, Tschechoslowakei. In Vorbereitung der Emigration stellte sie ein Ansuchen um Ausfuhrbewilligung ihrer Kunstsammlung in die Tschechoslowakei, dem am 9.9.1938 stattgegeben wurde. Auf Intervention der Zentralstelle für Denkmalschutz wurden jedoch einige Werke, darunter das Aquarell „Der alte Nordbahnhof“ von Rudolf von Alt, zurückgehalten, die Ausfuhr also verweigert. Valerie Heissfeld sah sich daher am 20.12.1938 gezwungen das Werk an das Kunst- und Auktionshaus Artaria, Wien, zu verkaufen. Der Kaufpreis ist ebenso wenig bekannt, wie die Tatsache, ob Valerie Heissfeld über den Erlös verfügen konnte. Artaria verkaufte das Aquarell an Privat; aus Münchner Privatbesitz erwarb es nach eigener Aussage der Münchner Kunsthändler Eugen Brüschwiler, der es am 1.7.1942 in München an den Reichsleiter der NSDAP Martin Bormann als Fiduziar der NSDAP veräußerte. Am 30. 6.1949 wurde das Werk, das sich seit dem 29.10.1945 im Central Collecting Point, München, befand, an den bayerischen Ministerpräsidenten als Vertreter des Freistaates Bayern übergeben. Die juristische Übergabe an die Staatliche Graphische Sammlung München fand erst am 14.2.1973 mit der Übertragung aus dem Inventar des CCP (Nr. 40) ins Nummerninventar der Staatlichen Graphischen Sammlung München (Inv. Nr. 45626 Z) statt. Valerie Heissfelds Sohn Karel Gabriel Heissfeld (geb. 1906) verstarb am 23.1.1938 in Brno. Ihrer Tochter Lotte gelang am 1.3.1939 die Emigration nach England. Nach der Ermordung ihrer Mutter war sie die einzige Überlebende der Familie.

Zeichnung an die Erben nach Dr. Michael Berolzheimer

Ein Blatt von der Hand des Florentiner Malers und Zeichners Andrea Boscoli (1560–1607) in der Staatlichen Graphischen Sammlung München, auf das die Erben von Dr. Michael Berolzheimer (1866–1942) mit Schreiben des Holocaust Claims Processing Office vom 5. Juni 2012 Anspruch auf Restitution erhoben, verbleibt gegen eine Zahlung eines finanziellen Ausgleichs in der Münchner Sammlung. Dank der Nachforschungen des Holocaust Claims Processing Office, Department of Financial Services, New York und anschließender Prüfungen seitens der Staatlichen Graphischen Sammlung München wurde evident, dass das Blatt, das eine Szene aus der Vita des heiligen Antonius zeigt, ehemals Bestandteil der Sammlung von Dr. Michael Berolzheimer war, der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten enteignet und zur Emigration gezwungen worden war. Zum Zeitpunkt des Erwerbs des Blattes durch die SGSM bei Ketterer, Auktion 5./6. Mai 2003 (282. Auktion »Sammlung Tremmel«) war die Provenienz „Berolzheimer“ unbekannt. Der Fall zeigt exemplarisch, wie wichtig Grundlagenforschung zur Feststellung von Naziunrecht ist, das an Mitbürgern jüdischer Herkunft begangen wurde. Nur Schritt für Schritt können durch intensivierte Provenienzforschung die Besitzverhältnisse von Kunst während der 30er und 40er Jahre geklärt und kann Licht in das Dunkel der Enteignungen gebracht werden. Dr. Michael Berolzheimer war mit großer Wahrscheinlichkeit bis zu seiner erzwungenen Emigration Mitglied der Vereinigung der Freunde der Staatlichen Graphischen Sammlung München, so dass sich seine Erben großzügigerweise bereit erklärten, im Gedenken an das Unrecht, das Dr. Berolzheimer widerfuhr, die Zeichnung im Jahr 2014 der Vereinigung der Freunde der Staatlichen Graphischen Sammlung München zu überlassen, so dass sie im Museum verbleiben und die Sammlung an ihren einstigen Förderer erinnern kann.

Provenienz-Übergabe (59).JPGStaatsminister Dr. Spaenle, Karl P. Mautner und Marguerite Mautner Ballard im Studiensaal der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Foto: Gunnar Gustafsson, ©SGSM

Restitution des Aquarells „Das Arbeitszimmer des Künstlers“ von Rudolf von Alt an die Erben nach Elsa und Stephan Mautner

Am 30. November 2016 konnte Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle das Aquarell „Das Arbeitszimmer des Künstlers“ von Rudolf von Alt an die rechtmäßigen Eigentümer, die Erben nach Elsa und Stephan Mautner restituieren. Für den bisherigen Besitzer des Werkes, die Staatliche Graphische Sammlung München, fügte es sich erfreulich, dass das Werk im Zuge dieser Übergabe vom neuen Eigentümer, der Ernst von Siemens Kunststiftung, dem Museum als unbefristete Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Das Aquarell ist die letzte Arbeit dieses für die österreichische Kunst des 19. Jahrhunderts zentralen Künstlers, die er nicht mehr vollenden konnte. Dieses außergewöhnliche Werk, mit dem ein fast achtzigjähriges künstlerisches Schaffen zu einem Ende kam, war wie der Schlussstein der umfangreichen, außerhalb Österreichs einmaligen Alt-Sammlung in der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Es war auch im Interesse der in den USA lebenden Enkel des in Auschwitz ermordeten Sammlerehepaares, dass das Werk der Öffentlichkeit erhalten bleibt und gleichermaßen für die Hochschätzung ihres Großvaters für die Kunst Alts und für die traurigen Aspekte seiner Provenienzgeschichte Zeugnis ablegt.

 

Diese Seite teilen

Museumswebsite gefördert durch:

Landesstelle für die nichtstaatlichen Mussen in Bayern
Bayerische Sparkassenstiftung