Bayerisches Nationalmuseum

Seit 1. Mai 2014 verfügt das Bayerische Nationalmuseum über ein eigenes Referat für Provenienzforschung. Es kann dadurch in vollem Umfang den Verpflichtungen zur Identifikation und Restitution NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts nachkommen, die aus der am 3. Dezember 1998 auf der Conference on Holocaust-Era Assets von der Bundesrepublik Deutschland mitunterzeichneten »Washingtoner Erklärung« (»Washington Principles«) resultieren. Zum Aufgabengebiet des Referats für Provenienzforschung gehört die systematische und lückenlose Überprüfung der Bestände seit 1933 bis heute hinsichtlich ihrer Herkunft anhand vorhandener Dokumente sowie die Bearbeitung konkreter Restitutionsanfragen bzw. –forderungen. Bereits 2005 veröffentlichte das Bayerische Nationalmuseum erste Ergebnisse zu entsprechenden Beständen in »Entehrt. Ausgeplündert. Arisiert. Entrechtung und Enteignung der Juden« (Magdeburg 2005) sowie 2006 in der Festschrift »150 Jahre Bayerisches Nationalmuseum«.

Die Leitung des Referats für Provenienzforschung hat Dr. Alfred Grimm inne.

Dr. Ilse von zur Mühlen bearbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin (01.04.2015–31.03.2017) das vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst sowie von der Stiftung Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (Magdeburg) geförderte Projekt »Werke der Metallkunst aus der Kunstsammlung Hermann Göring im Bayerischen Nationalmuseum«.

Systematische Überprüfung der Sammlungsbestände

Porzellanfigur.jpgPorzellanfigur der Thetis (Inv.-Nr. 42/212)
©Bayerisches Nationalmuseum München

Für den Erwerbungszeitraum von 1933 bis 1945 mit ca. 6.000 Einzelobjekten konnte eine erste Bestandsaufnahme inzwischen abgeschlossen werden. Sämtliche Objekte sind dabei nach den Kriterien ›unbelastet‹ (80%), ›möglicherweise belastet‹ (3%) und ›belastet‹ (17%) klassifiziert worden. Neun neu identifizierte NS-verfolgungsbedingt entzogene Objekte sind inzwischen auf ›Lost Art‹ eingestellt worden, darunter die Porzellanfigur der Thetis (Inv.-Nr. 42/212). Gleichzeitig konnte in enger Zusammenarbeit mit den Referentinnen, Referenten und Restauratoren des Hauses eine kursorische Sichtung der ab 1945 verzeichneten Objekteingänge durchgeführt werden.

 

›Überweisungen aus Staatsbesitz‹ aus der ›Sammlung Göring‹

Zahlreiche nach 1945 ‒ zwischen 1961 und 2004 ‒ als ›Überweisungen aus Staatsbesitz‹ an das Bayerische Nationalmuseum gelangte Objekte aus ehemaligem NS- und NSDAP-Besitz konnten zwischen 2012 und 2014 von Ilse von zur Mühlen den ›Sammlungen‹ von Hermann Göring, Hans Frank, Heinrich Hoffmann, Max Amann und Hermann Giesler zugeordnet werden. Die zahlenmäßig bei weitem größte Gruppe stellen dabei Kunstwerke aus dem ehemaligen Besitz von Hermann Göring dar, deren Provenienz seit März 2012 von Ilse von zur Mühlen erforscht wird.

Skulpturen.pngSkulpturen aus der ›Sammlung Göring‹
©Bayerisches Nationalmuseum München

Bildwerke aus der ›Sammlung Göring‹

Zwischen 1961 und 2004 wurden dem Bayerischen Nationalmuseum etwa 430 Kunstwerke aus der ›Sammlung‹ Hermann Görings aus dem Besitz des Freistaates Bayern übertragen. Ilse von zur Mühlen erarbeitete zwischen März 2012 und Februar 2014 den Gesamtbestand, der sich aus Kunstwerken aus den Bereichen Skulptur, Metall, Textilien, Tapisserien, Glasfenstern, Fayencen und Möbeln zusammensetzt. Die Ergebnisse zu den Bildwerken aus der ›Sammlung Göring‹ sind seit Juli 2014 in der Internet-Datenbank des Bayerischen Nationalmuseums publiziert und werden bei Bedarf jeweils aktualisiert. Gleichzeitig wurden die Werke ‒ insgesamt 73 Einzelobjekte ‒ auf ›Lost Art‹ gemeldet.

Metallkunst BNM.pngWerke der Metallkunst aus der ›Sammlung Göring‹
©Bayerisches Nationalmuseum München

Werke der Metallkunst aus der ›Sammlung Göring‹

Seit April 2015 konzentriert sich Ilse von zur Mühlen auf 92 Inventarnummern (einschließlich Unternummern), die dem Bereich Metallkunst zuzurechnen sind. Die Provenienz dieser Objekte ist aufgrund der im Gegensatz zu den Skulpturen schlechteren Publikationslage und fehlender Abbildungen sowie durch die Existenz mehrerer sehr ähnlicher Exemplare ungleich schwieriger zu eruieren. Wie schon für das Projekt zu den Bildwerken aus der ›Sammlung Göring‹, so sollen auch die Ergebnisse dieser Recherche in Kurzform auf der Website des Bayerischen Nationalmuseums und auf ›Lost Art‹ zugänglich gemacht werden.

Zwangsabgabe von Silber aus jüdischem Privatbesitz (1939)

Silbergaben BNM.jpgObjekte aus der Zwangsabgabe von Silber aus jüdischem Privatbesitz
©Bayerisches Nationalmuseum München

Um anspruchsberechtigten Personen die Möglichkeit auf Rückgabe zu eröffnen, werden zur Zeit die im Bayerischen Nationalmuseum verbliebenen bzw. in den Jahren 1964 und 1969 von der Finanzmittelstelle des Freistaates Bayern wegen damals fehlender Anspruchsberechtigter an das Bayerische Nationalmuseum rücküberwiesenen NS-verfolgungsbedingt entzogenen 112 Objekte aus der ›Zwangsabgabe von Silber aus jüdischem Privatbesitz‹ (1939) bearbeitet, um sie auf ›Lost Art‹ einzustellen.

Restitutionsprüfverfahren

D109383.jpgRingergruppe (Inv.-Nr. 59/10)
©Bayerisches Nationalmuseum München

Neben der proaktiven Eigenrecherche gehört die Durchführung von Prüfverfahren aufgrund von Restitutionsanfragen bzw. -forderungen zu den Aufgaben des Referats für Provenienzforschung. So überprüfte das Bayerische Nationalmuseum z. B. in Kooperation mit dem Museum Fünf Kontinente von 2013 bis 2016 die auf drei Versteigerungen des Auktionshauses Paul Graupe in Berlin direkt bzw. aus Drittbesitz erworbenen Werke; die Ergebnisse dieser inzwischen abgeschlossenen Recherchen sollen demnächst Online gestellt werden.

Digitalisierung der für die Provenienzforschung relevanten Archivalien

Dokumentation.jpgDokumentation zur Zwangsabgabe von Silber aus jüdischem Privatbesitz
©Bayerisches Nationalmuseum München

Die 2015 mit Sondermitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst ist 2015 begonnene Digitalisierung der für die Provenienzforschung relevanten, in der Dokumentationsabteilung des Bayerischen Nationalmuseum verwahrten Archivalien konnte inzwischen abgeschlossenen werden. Im Einzelnen handelt es ich um die Zugangsbüchern von 1932 bis 1947 sowie um sämtliche in der Dokumentationsabteilung des Bayerischen Nationalmuseums vorhandenen Unterlagen zu den zwischen 1933 und 1945 an das BNM gelangten und nach 1945 vom BNM dem Münchner Central Collecting Point übergebenen bzw. an die Eigentümer restituierten sowie zu den im BNM verbliebenen NS-verfolgungsbedingt entzogenen Objekten. Diese gezielt durchsuchbaren Digitalisate stehen nun im BNM sowohl der Öffentlichkeit wie auch (im Digitalen FPB-Ressourcenrepositorium) den Mitgliedern der dem FPB angehörenden Institutionen für Recherchezwecke zur Verfügung.

 

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